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Die Prediger sind so freundlich, uns ihre Predigttexte zum Lesen zu überlassen.

Vielen, vielen Dank dafür.


als Download
(zusammengestellt von Pfarrerin Mechthild Werner und Dekan Markus Jäckle)

 


Predigt Dr. Britta Buhlmann

Prominente predigen zu „9,5 Thesen“

Eine Initiative von Pfarrerin Mechthild Werner und Dekan Markus Jäckle

in der Gedächtniskirche Speyer

jeweils am zweiten Sonntag im Monat um 11 Uhr

Gottesdienst am 12. März 2017 mit Britta Buhlmann

3. These „Nicht ohne Gott!?“

Mit: Britta Buhlmann - Dekan Markus Jäckle – (Pfarrerin Mechthild Werner erkrankt)

KMD Robert Sattelberger, Posaunenchor Freinsheim unter der Leitung von Jörg Krämer

Nicht ohne Gott!?

Wie steht es 500 Jahre nach Luther um die Gretchenfrage? „Wie hältst Du es mit der Religion?“ Ist das

überhaupt noch die Frage in einem säkularen, zugleich multireligiösen und multikulturellen Land? Über

die Suche nach Gott, Sinn und Lebenssinn.

Zitate von Martin Luther zum Thema:

„Was heißt einen Gott haben oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man erwarten soll alles Gute und Zuflucht haben in allen Nöten. Woran Du dein Herz hängst und verlässt, das ist dein Gott..“

(Großer Katechismus, Erklärung des 1. Gebots 1529 WA 30 I132,34)

„Denn das Beten hilft uns sehr und macht ein fröhliches Herz..“

(Tischrede 1531 WATR 1;49,26)

„Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines

Christen Handwerk ist beten.“

(WATR 6,162)

„Nach der Theologie ist keine Kunst der Musik gleich zu stellen, weil sie das schenkt, was sonst allein die Theologie schenkt: ein ruhiges und fröhliches Herz. Meine Liebe zur Musik sprudelt heraus, die mich so oft erquickt und aus großen Nöten befreit hat.“
(Brief an Ludwig Senfl, 1530 WAB 5; 639,1)

Musikakzent
Orgel KMD Sattelberger
Begrüßung
Dekan Jäckle
Kurze Vorstellung der Predigenden
Dekan Jäckle


„Nicht ohne Gott!?“
So lautet die 3. These unserer Gottesdienstreihe mit Prominenten in der Gedächtniskirche, zu der ich Sie heute recht herzlich begrüße. Und natürlich auch unsere dritte Predigerin Dr. Britta Buhlmann, die heute nach Speyer gekommen ist, um uns ihre Gedanken und Überlegungen zu dieser These zu Gehör zu bringen. Herzlich Willkommen, liebe Frau Buhlmann!
Nicht nur in Kaiserslautern, auch hier ist sie bekannt als Leiterin der Pfalzgalerie Kaiserslautern, seit 1994 ist sie deren Direktorin und hat dort einiges bewegt und vorangebracht: Den Umbau des Museums, Professionalisierung der Restaurierung sowie der Werkstätten, Ausbau der Bibliothek und
Neuausrichtung der Dauerausstellung. Darüber hinaus hat sie eine lebendige Museumspädagogik sowie ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm im mpk (Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern) etabliert.
Britta Buhlmann studierte nicht nur Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie sondern auch
evangelische Theologie. Wenn auch nicht beruflich, so doch ehrenamtlich ist sie der Theologie treu
geblieben. Jenseits einiger Lehraufträge sucht und findet sie Zeit, in der Evangelischen Kirche tätig zu
sein. Etwa als Mitglied im Beirat der Evangelischen Akademie der Pfalz, als Presbyterin der Stiftskirche
Kaiserslautern und als Prädikantin.
In dieser Funktion wird sie sich heute auf der Kanzel mit der 3. These unserer Reihe auseinandersetzen:
Nicht ohne Gott!? Wie steht es 500 Jahre nach Luther um die Gretchenfrage? „Wie hältst Du es mit der
Religion?“ Ist das überhaupt noch die Frage in einem säkularen, zugleich multireligiösen und
multikulturellen Land? Bevor wir uns mit Ihnen, Frau Dr. Buhlmann, dieser Frage stellen, habe ich mir
gedacht, es könnte ganz sinnvoll sein, wenn wir unserem Gott zuvor ein Lied singen, mit Herz und Mund und allem was an innerem Gefühl und Empfindung dazu gehört.


Lied Ich singe Dir mit Herz und Mund EG 324,1 – 4. 12.13
Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.
Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?
Wer hat das schöne Himmelszelt
hoch über uns gesetzt?
Wer ist es, der uns unser Feld
mit Tau und Regen netzt?
Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.
Wohlauf, mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.
Text: Paul Gerhardt


Kleiner Impuls zur These
Dekan Jäckle
Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Bestreben, Kirche und Religion
zu marginalisieren, immer stärker zu nimmt. Viele Menschen können mit Kirche, mit Gott nichts oder
nichts mehr anfangen.
Gott gibt es nicht, sagen Sie. Gott ist eine Erfindung der Menschen, ein bloßes Konstrukt derer, die meinen, so etwas wie Gott brauchen zu müssen. Es konnte noch keiner beweisen, dass es Gott wirklich gibt.
Religion ist Opium für das Volk. Das sind die klassischen Aussagen der Kritiker von Religion und dem
Glauben an einen Gott. Sie sind aber nur ein Teil der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung und
Diskussion.
Gleichzeitig leben wir in einer ebenfalls zunehmend multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft.
Menschen unterschiedlicher Herkunft, vielfältiger Kulturen und verschiedenen Religionen leben
zusammen in einem Land. Als Christen, Juden, Muslime, Buddhisten oder Mitglied einer anderen
Religionsgemeinschaft. Es gilt Wege zu finden, die ein Zusammenleben gelingen lassen.
Auch das ist ein Teil gegenwärtiger gesellschaftlicher Fragestellungen.
Ein weiterer Teil ist, dass ungebrochen viele Menschen auf der Suche sind nach einem tieferen Sinn des
Lebens, nach etwas, das ihnen Halt geben kann, im Alltag ihres Lebens, in Krisensituationen und auch in Momenten des Glücks, gerade weil dieser Sinn außerhalb ihrer selbst liegt und begründet ist.
Menschen suchen Gott. Nach wie vor. Zunehmend jedoch ohne die Kirche. Das ist für die Kirche eine
bittere Wahrheit. Der sie sich aber stellen und auf die sie eine Antwort finden muss.
Und diese Antwort beginnt mit der Frage nach Gott.
Was sagt Martin Luther dazu?
Er sagt: „Was heißt einen Gott haben oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man
erwarten soll alles Gute und Zuflucht haben in allen Nöten. Woran Du dein Herz hängst und verlässt, das ist dein Gott..“
Nicht ohne Gott!? Die Frage nach Gott ist gestellt. Eine Antwort Martin Luthers gehört.

Lassen wir sie auf uns wirken mit dem satten Sound des Freinsheimer Posaunenchores
um dann die Predigt von Frau Dr. Buhlmann zu hören.
Musikakzent

Posaunenchor Freinsheim

Predigtimpuls Britta Buhlmann
Nicht ohne Gott!?

Liebe Gemeinde,
aufgrund meiner Zusage, eine Predigt zu schreiben, zur Speyrer Predigtreihe „9,5 Thesen“ anlässlich des Lutherjubiläums, fiel die Entscheidung auf die These, die da lautet: Nicht ohne Gott!? – Es folgen ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen.
Schon bei der Verabredung für diese These dachte ich: Das wird nicht einfach. Zum einen, weil ich seit
meiner Kindheit mit einem gewissen Selbstverständnis im Glauben an Gott aufgewachsen bin, zum
anderen, weil Gott ja etwas vollkommen unfassbares ist, etwas, dessen Existenz wir nicht beweisen
können, dessen Behauptung – jedenfalls so wie wir es aus unseren Gottesdiensten gewohnt sind – uns in arge Bedrängnis mit der Naturwissenschaft bringt. Wie oft werden wir in der Kirche konfrontiert mit Sätzen wie: Gott sagt dieses und Gott wünscht jenes. Das setzt einen Gott voraus, der zu uns spricht und damit ein Sein, dass einen Ort oder Raum hat. Den, das wissen wir alle, können wir aber nicht belegen. Alle naturwissenschaftliche Erkenntnis spricht gegen solch einen Ort und damit auch gegen die Wesenhaftigkeit dessen, was wir Gott nennen.
Wir können aber auch nicht behaupten, dass wir das Universum bis ins letzte Detail erforscht haben. Zwar wissen wir, dass unser Sonnensystem, die Erde und die anderen Planeten durch einen sogenannten „Urknall“ aus Gas und Staub entstanden sind, woher die allerdings kamen, ist noch nicht beantwortet. Und auch nicht, warum diese extremen Bewegungen in Gang kamen. Mir scheint ein Gedanke einleuchtend, den der um 365 vor Christus geborene chinesische Dichter und Philosoph Chuang-tzu formulierte: „Hinter den Teilen ist immer etwas ungeteiltes, hinter dem Bestreitbaren etwas unbestreitbares.“
Unser Wissen über die Wünsche Gottes ziehen wir aus der Bibel. Heutzutage weiß jeder, dass dieses Buch nicht von Gott sondern von verschiedenen Autoren verfasst wurde. Vielleicht sind einige Überlegungen zu seinem Zustandekommen hilfreich, um unserem Bild von Gott etwas näher zu treten.
Die frühesten Texte des Alten Testaments wurden nicht allein von verschiedenen Autoren verfasst,
sondern auch an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Sprachen: in Griechisch, Hebräisch
und Aramäisch. Um 600 vor Christus wurden die bearbeiteten und gebündelten Texte kanonisiert, also
verbindlich zum Wort Gottes erklärt. Zwischen 70 und 100 nach Christus kamen die Texte des neuen
Testaments, die sich mit dem Leben Jesu Christi beschäftigen dazu. Die Autoren des Alten wie auch des
Neuen Testaments betrachtete man als vom Heiligen Geist bewegte Schreiber.

Damit sind all diese Texte menschlichen Ursprungs. Sie geben Zeugnis von tiefem Glauben und der
Überzeugung, dass es einen Lenker gibt, der uns die Richtung für unser Leben weist.
Luther schreibt in seiner Erklärung zum 1. Gebot:
„Was heißt, einen Gott zu haben oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man erwarten soll alles Gute und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben.“
Die Schreiber der biblischen Texte haben, wie Luther, für die Menschen ihrer Zeit Bilder gesucht, die
geeignet waren, zu erklären, dass es etwas oder jemanden gibt, der unsere Welt trägt. Die Autoren haben die Anfechtungen ihrer Gegenwart beschrieben und daraus Verhaltensregeln für das Leben entwickelt. Sie wollten eine Gemeinschaft bilden, die auf gegenseitiger Achtung aufbaut, das Überleben sichern kann.
Wenn ich heute im Alten Testament die z.T. grauenhaften Geschichten um Mord, Tod und Vertreibung
lese, scheinen mir diese Schilderungen nah an den Gegenwartsberichten aus Syrien, dem Irak oder
Afghanistan zu sein.
Und dann geht mein Blick hin zum Neuen Testament, zum „Vater unser“ und zur Bergpredigt, und ich
denke mir, wie gut es doch wäre, wenn diese Texte – und analoge Forderungen in den abrahamitischen
Schriften - von allen als verbindlich angesehen und gelebt werden könnten. Mein persönliches „Nicht
ohne Gott“ leitet sich aus den Lehren des Neuen Testaments ab. Vor allem aus dem „Vater unser“ und der Bergpredigt.
Gerade diese beiden Texte sind es doch, die einerseits Geborgenheit vermitteln und uns andererseits
darauf aufmerksam machen, dass es in unserem Leben nicht um hemmungslosen Egoismus gehen kann, sondern darum, aufeinander Rücksicht zu nehmen, andere in unser Denken und Handeln einzubeziehen.
Wir Menschen sind vernunftbegabt und handeln interessengelenkt. Nicht selten jedoch am zu
kurzfristigen Erfolg orientiert.
Nehmen Sie allein das Sprichwort: „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe“.
Ist es nicht definitiv besser, eine Freundschaft zu bewahren, als für kurze Zeit die Lacher auf seiner Seite zu haben? Wären wir alle bereit, hier und dort zurückzustehen und nachhaltig zu denken, wäre nicht nur der Natur geholfen, durch deren Bedrohung das Wort Nachhaltigkeit in unseren Sprachgebrauch gekommen ist, sondern auch unserem Geist- oder spiritueller formuliert: unseren Seelen.
Ich habe gute Freunde, die finden, dass man die Werte des NT doch auch ganz wunderbar ohne Religion leben könne. Der Humanismus sei doch eine Tradition, in der ganz analoge Forderungen vertreten werden, mit dem Ziel, die Menschen zu einer besseren Existenzform zu führen.
Ich will nicht bestreiten, dass das möglich ist und auch nicht, dass es Atheisten und Agnostiker gibt, die
überzeugender Gutes tun als manche Christen. – Auch in der Bibel finden sich ja schon Geschichten wie
die vom barmherzigen Samariter – also müssen wir uns fragen lassen: Wozu dann noch Gott, wozu
Glauben? Meine Antwort ist: Weil mir der Glaube an Gott Kraft und Trost gibt, und Hoffnung und Sinn.
Schon im Alten Testament, bei Jesaja (40,31) steht das schöne Wort: „…die aber auf den Herren harren
empfangen neue Kraft…“.
Wenn ich mein Leben anschaue, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit – dafür dass ich in der Geborgenheit einer Familie aufgewachsen bin, dass ich meinen beruflichen Weg finden durfte, dass ich ohne Angst herausfinden konnte, wer ich bin und, dass ich bisher eigentlich immer die Kraft hatte, das zu tun, was mir im Leben wichtig ist. Dankbar bin ich dafür, dass ich lernen konnte, zu verzeihen und zu vergessen und auch, dass es nicht selten nötig ist, den eigenen Standpunkt mal hintanzustellen, um andere zu verstehen.


Manchmal will mir scheinen, dass Menschen, die keinen Glauben haben, eher dazu neigen, ein Glas als halb leer zu empfinden anstatt es halb voll zu erleben. Das ist nicht empirisch erforscht – es ist lediglich ein Eindruck.
Manche Menschen, die nicht an Gott glauben, sagen: Gott, das ist etwas für Feiglinge. – Mag sein, aber
kennen wir nicht alle Situationen, in denen wir uns ängstigen, Momente, in denen wir uns ganz
existenziell alleine und verlassen fühlen? Ist es dann nicht gut, Trost und Zuflucht im Glauben zu finden?
Philipp Melanchthon, Reformator wie Martin Luther, hat 1521 geschrieben, dass die Natur des Menschen
nichts Göttliches begehrt – erst die Erfahrung von Humilitas (das ist Demut) ermutige ihn zu vertrauen
(Loci Comunes). Das heißt nichts anderes, als dass wir Menschen erst in der Not einen Halt außerhalb von uns selbst suchen.
Und ist das nicht legitim? - Wie viele Soldaten, sind von Fronteinsätzen im 1. und 2. Weltkrieg
zurückgekehrt und haben berichtet, dass sie in den Schützengräben, wenn links und rechts Granaten
fielen, begonnen haben zu beten. Was spricht dagegen, dass ein Mensch, der sich ein Leben lang nicht um Gott gekümmert hat, angesichts seines Alters oder schwerer Krankheit, wenn er erkennt, dass er sterben muss, sich hinwendet und Gott um Gnade bittet? Müssen wir uns für unsere Schwächen schämen?
Nein, ganz gewiss nicht und auch nicht dafür, dass wir Hoffnung und Zuversicht ziehen aus unserem
Glauben.
Ist es, wenn wir uns missverstanden und einsam fühlen, nicht tröstlich, zu wissen, dass wir in Gott
geborgen sind, angenommen und akzeptiert! Und großartig ist doch auch, dass wir aus diesem
Angenommensein ein Gefühl von Sicherheit ableiten können und die Freiheit zur Ehrlichkeit uns selbst
gegenüber? Wir müssen keine Rolle spielen, nicht Champions sein, dürfen zu uns selbst stehen und haben die Chance, von diesem Fundament aus zu fragen, wo wir vielleicht besser werden können.
Ich gehe davon aus, dass jeder und jede von uns in seinem tiefsten Inneren seine Stärken und seine
Schwächen kennt. Die Freiheit, ein positives Gottesbild zu haben und sich annehmen zu können, ist
deshalb kein Freibrief für rücksichtsloses und egozentriertes Verhalten und auch kein Fundament für
überzogene Sorge.
Vielmehr erlaubt uns der Glaube ohne Angst, mündig und verantwortlich zu leben; selbstverständlich
auch in unserem Verhältnis zu unseren Nächsten. Sie in gleicher Weise zu respektieren wie uns selbst ist die Aufgabe. Nicht umsonst heißt es in Matthäus 7,12: „Alles nun, was ihr wollt, dass Leute euch tun sollen, das tut ihnen auch“. Hier sind Begriffe wie Feindesliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gemeint. Damit stehen wir in der Verantwortung.
Die Autoren der Bibel haben ihre Texte im Dialog mit den jeweiligen Gemeinden entwickelt, deshalb ist es wichtig, die zeitlich und regional sich verändernden Lebenswelten, im Auge zu haben und zu sehen, das unsere jeweiligen Haltungen unsere Sicht auf Gott, also unser Gottesbild beschreiben, nicht aber die Sache bzw. Gott selbst. Hierin, meine ich, liegt eine unbedingte Aufforderung zur Toleranz: auch im
Zusammenhang mit anderen Religionen.
Manche Weisheit, die in einem anderen Glauben verankert ist, mag sogar dem Verständnis unseres
christlichen Ansatzes dienen: Der Hinduismus beispielsweise betrachtet Brahma als eins mit dem
Geistigen Selbst des Menschen. Ein Gedanke, den ich für sehr hilfreich halte, auf der Suche nach einer
Definition dessen, was unsere Seele ist.


Ähnlich hat es wohl auch Novalis, Philosoph und Schriftsteller der Frühromantik verstanden, der schrieb,
dass uns in jedem Menschen Gott erscheinen kann. - Und das ist doch nun wirklich ein Hoffnungsgedanke!
Nicht ohne Gott!? Vielleicht, weil der Glaube uns die Kraft gibt, selbst zu denken und unsere
Verantwortung ernst zu nehmen.
Weil er uns ein Gefühl dafür gibt, dass jede Veränderung, die wir wünschen, bei uns beginnen muss und, dass wir in unserem Bemühen, das Beste zu tun, auch Fehler machen dürfen. „Mache dich auf. Werde Licht“
steht bei Jesaja 60.1. Ein großartiger Anstoß. Ein „Mutmach- und Aufforderungssatz“ per se!
Nicht ohne Gott!? Weil ich die Offenheit gegenüber metaphysischen Fragen für eine Lebensqualität halte.
Weil es etwas geben mag, dass wissenschaftlich nicht zu fassen oder zu belegen ist, etwas, worüber man nicht wirklich sprechen kann. Amen


Musikakzent
Posaunenchor Freinsheim



Gebet und Vater Unser Dekan Jäckle
Barmherziger Gott,
an dich glaube ich
von ganzem Herzen und mit ganzer Seele
und auch mit all meinem Verstand.
Ich sehe deine Schöpfung - und glaube.
Ich höre dein Wort - und glaube.
Ich sehe Menschen, die dir nachfolgen, - und glaube.
Ich kenne Menschen,
die wie durch ein Wunder
wieder gesund geworden sind - und glaube.
Aber wenn ich Menschen sehe,
die durch einen Unfall schwere Schäden davontragen,
weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren,
dann beginne ich wieder zu zweifeln.
Wenn ich an die Hungernden in Afrika denke,
an die vielen Opfer von Hass, Krieg
und Gewalt in der Welt, dann zweifle ich.
Und wenn du trotz meiner Rufe
einfach schweigst, dann zweifle ich.
Wenn ich sehe, wie weit wir noch weg sind
von deinem Reich des Friedens, dann zweifle ich.
Und doch finde ich immer wieder zurück zu dir.
Ich kann nicht anders.
Ich kann mich und die Welt nicht denken ohne dich.
Manchmal kann ich es begründen.
Manchmal auch nicht.
Oft ist es auch nur so ein Gefühl.


Barmherziger Gott,
ich glaube an dich.
Hilf meinem Unglauben.
Alles, was uns an diesem Sonntagmorgen bewegt, schließen wir mit ein in das Gebet Jesu, das wir
gemeinsam beten: Vaterunser im Himmel ...
Vaterunser


Lied Von guten Mächten EG 65, 1.2.5.6
Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Text: Dietrich Bonhoeffer
Melodie: Siegfried Fietz, 1970

Segen



Nachgespräch bei Pälzer Woi und Speyrer Brezel

Fotos der 3. Predigt zu 9,5 Thesen

Dekan Jäckle bei der Begrüßung
Frau Dr. Buhlmann - als Prädikantin auf unserer Kanzel
Der Posaunenchor aus Freinsheim unter Ltg. von Jörg Krämer

Predigt Michael Bauer

Prominente predigen zu „9, 5 Thesen“

Eine Initiative von Pfarrerin Mechthild Werner und Dekan Markus Jäckle

Gottesdienst am 12. Februar 2017 mit Michael Bauer

2. These „Ich darf so bleiben, wie ich bin!?“

 

Mit: 
Michael Bauer 
Dekan Markus Jäckle 
Pfarrerin Mechthild Werner
KMD Robert Sattelberger, Wolfgang Schuster (Blueswolf)

 

Ich darf so bleiben, wie ich bin!?

Der Mensch 2.0. Zwischen Selbstoptimierung, Selbstvermarktung und der Suche nach Perfektionismus. Wie steht es 500 Jahre nach Luther um die Gnade, angesichts der manchmal gnadenlosen Suche nach dem perfekten Leben und Glauben?

 

Zitate von Martin Luther zum Thema:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht über alle Dinge und jedermann untertan.“

(Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520 WA 7; 21,1.9)

 

„Christliche und evangelische Freiheit ist die Freiheit des Gewissens, durch die das Gewissen von Werken frei wird. Nicht, dass keine geschehen sondern dass es sich auf keine verlässt“

(De votis monasticis, 1521 WA 8 ; 606,30)

 

„Ich, Asche, Staub und voller Sünde, rede mit dem lebendigen, ewigen, wahren Gott. Da muss man wohl zittern, wie ich damals, als ich meine erste Messe las. Der frohe Glaube aber, der sich stützt auf die Barmherzigkeit und das Wort Gottes, der überwindet die Majestätsangst und steigt frech über sie hinweg.“

(WA 43; 378,37 f)

 

Musikakzent

Orgel KMD Sattelberger

 

Begrüßung

Dekan Jäckle

 

Kurze Vorstellung des Predigenden

Dekan Jäckle

 

„Ich darf so bleiben, wie ich bin!?“ So lautet die 2. These unserer Gottesdienstreihe mit Prominenten in der GDK, zu der ich Sie heute recht herzlich begrüße. Und natürlich auch unseren 2. Redner/Prediger Michael Bauer, der heute nach Speyer gekommen ist, um uns seine Gedanken und Überlegungen zu dieser These zu Gehör zu bringen. Herzlich Willkommen, lieber Michael Bauer!

 

Viele kennen ihn als Pfälzer Mundart-Dichter, der auf ganz besondere Weise mit Wort und Laut, Sprache und Dialekt umzugehen vermag. Ich zitiere Werner Falk:

„Eingängig sind diese griffigen, wohlklingenden Formulierungen durch den reizvollen Kontrast, den die Härte der Aussage und die Weichheit des Aussagens, die apodiktische Prosa des Inhalts und die parlandohafte Poesie der Form bilden. Eingängig wirkt auch die formelhafte, schwerelose Klarheit. Bauers Sprache ist nicht wie Musik, sie ist Musik. Jedes Wort ist eine musikalische Note.

(Walter Falk, DIE RHEINPFALZ)

 

Wahrscheinlich kennen Sie Michael Bauer auch durch die Figur De klääne Pälzer, der, illustriert von Zeichner Xaver Mayer, den Weg in die Sonntagszeitung „Sonntag aktuell“ und in mehrere Buchauflagen fand. Vielleicht stand De klääne Pälzer auch ein wenig Pate, beim Verfassen der heutigen Rede, was ja auch durchaus im Sinne Martin Luthers wäre, der in seinen Predigten immer die kleinen und nicht die großen Leute im Blick hatte. Die Menschen eben.

 

„Ich darf so bleiben, wie ich bin!?“ Der Mensch 2.0. Zwischen Selbstoptimierung, Selbstvermarktung und der Suche nach Perfektionismus. Wie steht es 500 Jahre nach Luther um die Gnade, angesichts der manchmal gnadenlosen Suche nach dem perfekten Leben und Glauben?

 

„Vergiss es nie, dass du lebst war keine eigene Idee und dass du atmest, kein Entschluss von dir.

Vergiss es nie, dass du lebst war eines anderen Idee und dass du atmest, sein Geschenk an dich.“

 

Dieses Lied ist für mich eines der schönsten Lieder, wir singen es nun gemeinsam.

 

Lied Du bist Du

1. Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee,

und dass du atmest, kein Entschluss von dir.

Vergiss es nie: Dass du lebst, war eines anderen Idee,

und dass du atmest, sein Geschenk an dich.

 

Refrain:

Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur,

ganz egal ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur.

Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu.

Du bist du... Das ist der Clou, ja der Clou: Ja, du bist du.

 

2. Vergiss es nie: Niemand denkt und fühlt und handelt so wie du,

und niemand lächelt so, wie du's grad tust.

Vergiss es nie: Niemand sieht den Himmel ganz genau wie du,

und niemand hat je, was du weißt, gewusst.

Refrain

 

3.Vergiss es nie: Dein Gesicht hat niemand sonst auf dieser Welt,

und solche Augen hast alleine du.

Vergiss es nie: Du bist reich, egal ob mit, ob ohne Geld,

denn du kannst leben! Niemand lebt wie du.

Refrain

Text: Jürgen Werth  Musik: Paul Janz

 

Kleiner Impuls zur These

Pfarrerin Werner

 

Kennen Sie diesen Satz:
Eigentlich bin ich ganz anders,

aber ich komme so selten dazu“,

sagte der Günegügl, nein, nicht der Günegügl –

den Sie vielleicht kennen,

wenn Sie Michael Bauer kennen.

Aber es sagte jemand mit vielen Umlauten:

Ödön von Horvath, Autor aus Österreich.

Ohne viel Gedöns passt das zum Thema heute.

Wer ich bin, sein, bleiben und werden will.

 

Ich darf so bleiben, wie ich bin?

Nein, sagt der junge Martin.

Ich bin längst nicht der Mönch

der ich sein will.

Ich lüge, ich zweifle,

ich bete zu wenig,

Bin nicht nah bei Gott, nie nah genug.

 

Ich darf nicht so bleiben..

Muss mehr tun, Gutes tun

mehr auf die Knie, bis sie bluten,

mehr dienen.


Der Arme, geknechteter,

Christenmensch

finsteres Mittelalter,

sagt sich unsereiner -

geht in die Knie,

Hanteln stemmend

stemmt

den Alltag, Arbeit, Arbeit, Arbeit

dient

der Firma, der Familie, den Freunden, wenn dafür Zeit ist.

Und natürlich der Gesundheit, soviel Zeit muss sein.
Tu Dir Gutes.
 
„Denk an Deine „Woliba“
höre ich neulich und auf meinen fragenden Blick
„ja, deine Work-Life-Balance“ und als ich weiter stutze

„weniger Arbeit und Stress,
daran musst du arbeiten!“

 

Ich darf so bleiben, wie ich bin?

Von wegen: „Du darfst“

Das war diese Werbung für ein Diätmittel.

Mit dem Schaufensterblick.
Denn schlanker geht immer – auch schlauer, besser.

Selbstoptimierung.

Meinen Sie nicht, über 60 sind sie da raus.

Nein „long life learning“,

auch Senioren sollen sich optimieren,

gefitnesst, gewellnest bleiben.

Mein Gott.

Ja, wo bleibt er eigentlich?

Und wo ich?

 

Ich darf so bleiben, wie ich bin?

Ja, sagt der erwachsene Luther.

Ich bin längst der Mensch

der ich sein soll.

Freier Christenmensch

Ich lüge, ich zweifle,
bin schlecht, bin gut.

Und dabei stets nah bei Gott,

nah bei mir selbst.

 

Ich darf so bleiben, wie ich bin!

Eigentlich bin ich ganz anders,

aber ich komme so selten dazu“,

 

Michael Bauer kommt zu vielem

Aber selten zu der „Ehre“ -

wie er sagt - zu predigen,

nicht zu Ödön und Günegügl,

sondern zu Luther.

Drum sagte ich ihm:

„Du darfst so bleiben, wie du bist.“

Bauer eben.
Aber das will er gar nicht.

Wie wir gleich hören...

 

Musikakzent

Blueswolf

 

Predigtimpuls Michael Bauer

Ich darf so bleiben, wie ich bin!?

 

Alla ich versuch mich auszudricke.

Mir fallt bloß des rischdische Wort

bloß grad net oi.

Es leit mer uf de Zung.

Awwer es geht mer net

Iwwer die Lippe.

Oh,  jetzt wääß ichs.

awwer kumm net druf.

Ich habs.

Awwer ich glaab,

es  hat  kää Wert mää!

 

Wer ist Luther ?

Ich hoffe, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer aus verschiedenen Motiven, aus Speyer und aus andern Orten!

Ich hoffe natürlich, dass mir heute das Mich-Ausdrücken einigermaßen gelingt.  Und ich habe ja das, was ich hier promimäßig sagen will, zur Sicherheit auch aufgeschrieben. Ganz am Anfang meiner Vorbereitung fiel mir übrigens gleich der  Religionslehrer meiner Kindheit ein, der  uns katholischen Schülern des Altsprachlichen Gymnasiums Kaiserslautern zum ersten Mal die Gestalt Luthers nahegebracht  hat.

 

An einzelne Aussprüche dieses Lehrers kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur noch daran, dass er uns oft  geschlagen hat. Aber das  Bild des Reformators, das ich lang im Kopf hatte, stammte mit Sicherheit nicht von Lukas Cranach, sondern von ihm:  Lange habe ich mir Martin Luther als einen Kerl gedacht, der nur  aus Grollmolekülen zusammengesetzt war  und viel Schaum vor dem Mund hatte.  Wegen einer Fehlleistung des Ablasspredigers Tetzel war durch ihn dann die Reformation ins Rollen gekommen. Ein  vermeidbarer kirchenhistorischer Betriebsunfall. So die Version des promovierten Theologen.

 

Noch lange habe ich mir unter dem Reformator einen vorgestellt, der dem  Franz Josef Strauß-Klischee  der Kabarettisten entsprach, schnaubend, eine Mischung aus Dialekt und Latein hervorstoßend und praktisch nur aus Groll-Molekülen zusammengesetzt.  Im Grunde ein sturer Ochs und ein tönend Erz.

Nach dem Motto: Hätte er nur den Mund gehalten;  die Mutter Kirche hätte ihre Fehler schon von selber gecheckt. 

 

Zu der Zeit, als in der Mao-Bibel las, fiel mein Luther-Klischee dann mit dem Bild von Franz Josef Strauß zusammen, der beim Reden ja oft eine Mischung aus Dialekt und Latein hervorstieß.  Luther selbst  hatte das Pech, dass er nicht Thomas Müntzer war. Damit hatte er, gesehen durch mein rechtes Katholenauge und mein linkes 68er Auge zum zweiten Mal den rechten Glauben verfehlt. Aber mein Lutherbild blieb nicht, was er war. Nachdem ich dann in der ersten Biographie von seinem Mut, seiner Brillanz und  seiner Konsequenz gelesen hatte, habe ich ihn erst einmal maßlos verehrt.  Das wendete sich bei der Lektüre in den Schriften wider die Juden und Bauern.  Und so pendelt es sich langsam ein.

 

 

 

Dass Luther hoch temperamentvoll war, zeigen die vielen gründlich zusammengesuchten Belege der Forschung, zum Beispiel der australischen Forscherin Roper.  Und wir  ahnen in diesem Jahr glaube ich alle, dass er einer der Riesen ist, auf deren Schultern wir stehen. Ich habe gelernt, mir seine Grobheit auch aus der groben  Zeit voller Globalisierungsängste zu erklären.  Ich habe erfahren, dass nicht nur er im Stroh übernachtet und stark gemüffelt hat.

 

 Sondern dass sogar der zarte und edle Habsburger Karl V während des Wormser Reichtages mit einem Mann niedrigen Standes das Hotelzimmer geteilt und möglicherweise ebenfalls  gemüffelt hat. Nur leicht natürlich Sozusagen kaiserlich. Auf die Frage, ob Luther so bleiben könne, wie er war, gab es damals diametral unterschiedliche Antworten. Und damit bin ich endlich bei der Frage, über die ich heute hier sprechen soll und darf:  „Ich darf so bleiben wie ich bin!“ Ausrufezeichen. Aber auch „Ich darf so bleiben wie ich bin?“ Fragezeichen. 

 

Wer ist Bauer?

Spontan gesagt: Ich bin  für Selbstoptimierung. Ich will  nicht stehen bleiben. Ich will  weiterkommen. Muss mich aber deswegen komplett umkrempeln?  Ich möchte mich entwickeln. Mir aber selbst treu sei.  Darum bete ich. Darum meditiere ich. Heute morgen bin ich zum Beispiel eine halbe Stunde still im Viertel-Lotus-Sitz auf meinem Sitzkissen gesessen und werde das heute Abend noch einmal tun. Wenn ich mein Kissen dabei hätte, könnte ich es hier vorführen. Am Anfang ist das mühsam. Die Knie schmerzen. Im Sommer sind Mücken sehr lästig.  Im Prinzip kann man aber auch auf einem Stuhl meditieren. Oder auf der Kirchenbank.

 

Mein Weg heißt  ZAZEN.  Anfang besuchte ich viele so genannte Sesshins, Zusammenkünfte , bei denen über mehrere Tage geschweigen und gesessen wird.  Ich  suchte mir einen Lehrer, den  Jesuiten und ZEN-Meister Niklaus Brantschen. Als ich mit dieser Praxis begann, kam das nicht nur anderen, sondern auch mir selbst  etwas seltsam vor.  Und der Heimatdichter, der ja auch in mir wohnt, dichtete – WINZLYRIK-Break:

 

Bodhidarma goes to Hinnerpalz

 

Do hinne,do hockt er.

Jo, do hockt er als.

Do hockt er als noch.

Der hockt jo als noch do hinne.

Alsfort nix als wie do gehockt.

 

Do hinne, do werd er gehockt han.

Alla dann.


Ich darf sitzen bleiben

Ich bin durch einen Freund zu Zazen gekommen. Durch Zufall. Ich besuchte ihn für drei Wochen auf Ibiza. Ibiza im Januar ist wunderschön. Aber ein bisschen langweilig. Er besaß keinen Fernseher. Aber er saß morgens und abends. Ich setzte mich dazu. Und gab mir ab dann die Erlaubnis, sitzen zu bleiben. Warum? Ich sah  an seinem Beispiel und später am Beispiel anderer, die schon länger praktizierten: Sie wirkten sehr  klar und gelassen und hatten trotzdem ihre Eigenarten.  Sie sind nicht geblieben wie sie waren.  Sie sind immer mehr zu dem  geworden, was sie sind.  Ihr Leben schien einfacher zu werden. Wenn auch nicht leichter.  Sie erkannten Krisen früh und bewältigten sie mit wenig Drama.  Sie trafen ungewöhnliche  Entscheidungen. Sie saßen. Und ich tue es  ihnen nach. In der Ecke meines  Schreibezimmers. In den Zimmern von  Ferienwohnungen und Hotels.

 

ZEN-Meditation ist kein Baldrian.  Es geht nicht darum, wegzudämmern oder Gefühle zu manipulieren.  Nicht um „Spirituwellness“. Nicht darum, mich abzuschotten.   Ich versuche achtsam zu sein für das Innen und das Außen. Für den Augenblick. Gute Gelegenheit,  Geduld zu üben.

 

Ohne die Basis dieser Übung  hätte ich vermutlich weder die Zeiten bewältigen können, in denen ich mich beflügelt fühlte noch die, in denen ich innerlich leer war und abwarten musste. Hätte ich auch manch  sinnvollen Streit nicht anzetteln können.  Das, was ich schreibe, wäre wohl weniger farbig und nicht so  politisch. Visionen von Buddhas hatte ich  noch nicht. Eher hat sich mal vage der Schatten des Engels mit dem Schwert gezeigt, der hinter meinem Namen steht.  Eine eher unbequeme, etwas militärisch streng   wirkende Gestalt. Aber Sitzen kann natürlich Ruhe geben. Eine nüchterne Ruhe: 

 

Innewennich.

Spitz die Ohre un heer mol,-

Ja, heer mol genau hie, was los is in dir drin!

Guck: Zwische deim Herz un deim Bauch,

do hocken se nämlich: Die Jammergeischter.

Sie betteln un schreien no allem mögliche.:

„Durch die Bagaasch muscht du dich dorchworschtele.

Awwer Vorsicht: Die zerrt an dir.

Die hätt am Liebschte, dass du umkehrscht

un außer dir bischt.

Wann du awwer ääfach weitergehscht,

weiter in dich, werds still.

Du heerscht des Gezeter nur noch vun Weitem.

Un du bischt uf äämol ganz allää,  genau in de Mitt

vun deiner Seel, dort wo

– uuschuldich wie e Kerzeflämmche-

dei eichener Atem dich bobbelt …

… dann geht am Himmel e Stern uf!

 

Ich sag mal so: Ich spüre beim Sitzen  immer wieder, wie viel Donald Trump in mir ist. Und weil ich das wahrnehme, habe ich die Chance, nicht handeln zu müssen wie  Donald Trump. Viele Menschen haben übrigens beim ausdauernden Meditieren bedeutende Einblicke gewonnen,  vielleicht sogar in den  Gesamtzusammenhang.  Sie sind  in die Einflugschneise eines – sagen wir - Heiligen Geistes geraten.  Es kann sich – darüber gibt es viele Berichte - beim Meditieren ein Fenster öffnen, durch das die Melodie der Welt zu hören ist.  Eine Art Mauerdurchbruch kann sich auftun, durch den das  FLIESSENDE LICHT DER GOTTHEIT herein kann.  Mechthild von Magdeburg, von der dieser Begriff stammt, war davon verzückt.  Und hat auf ihre Art des Meditierens eine Ahnung davon Bekommen, dass die Welt eins ist. Glückhaftes Erkennen. Nicht sentimental.   Das Sitzen bringt  Ideen mit sich, Problemlösungen,  eine Begünstigung seelischer und  körperlicher Gesundheit. Also durchaus Annehmlichkeiten. Aber auch ein oft unangenehmes Dahinschmelzen von Illusionen.  WInzlyrik:

 

Die Rettung der Welt

Jeden Morgen klettert die Sonne

 Über den Kamm unserer Berge

Und rettet die Welt.

Das ist es.

Mehr ist es nicht.

Gnade: Ich darf werden

Illusionslosigkeit kann eine Gnade sein.  „Gnade“. Ein Lutherwort. Ich darf so bleiben, wie ich bin? Ist DAS nicht eine Illusion?  Brechts Herr Keuner erbleicht, als einer ihm sagt, er habe sich nicht verändert. Ich bin bedingungslos so angenommen und  geliebt, wie ich jetzt bin. Das ja. Aber ich darf und muss werden.  Sonst bin ich ein trüber Gast. Ich habe eine Reihe von ZEN-Koans kennen gelernt und mich mit ihnen abgeplagt. Und  dann – das ist noch ganz frisch-  Luthers  „von der Freiheit eines Christenmenschen“ gelesen. Dabei habe ich paradoxe Sätze lieb gewonnen.  

 

Die erste These, die Luther in seiner Schrift aufstellt, hat zwei Teile, deren frühes Neuhochdeutsch auch im Original heute noch sehr verständlich ist:

„Ein Christen mensch ist ein freyer herr / Über alle ding / vnd niemandt unterthan“

Und paradox dazu Teil zwei:

„Ein Christen mensch ist ein dienstpar knecht aller ding und yderman vnterthan“

Im ZEN stößt man auf ähnliche Paradoxien. Als ich anfangs hungrig nach Anleitung an den Lippen meines Lehrers hing, machte er mir klar , dass der Weg in mir sei und nur ich ihn finden kann. Das fühlte sich nach einer so enormen Unabhängigkeit an, dass mir Angst wurde.  Auf der anderen Seite lautet das  erste  ZEN-Gelübde : „Zahllos sind die Lebewesen. Ich gelobe, sie alle zu retten!“

 

Ich darf tun und lassen

Das klang nach einer Dienstleistung von hoffnungslos gewaltigem Ausmaße. Vollkommene Freiheit und vollkommene Dienstbarkeit für Schöpfung und Geschöpfe. Luthers Sätze wie die ZEN-Lehre   – vorausgesetzt ich habe sie wenigstens teilweise verstanden- beschreiben den Zustand einer Bereitschaft.  Das Entstehen dieser Bereitschaft.  Den Ausgangspunkt der  Werke. Die Grundhaltung. „Attitude“ heißt das auf Englisch und es gibt dazu den Slogan „attitude is everything“.  Die Bereitschaft ist alles, wenn auch noch nicht das Tun selbst.

 

Die Werke folgen daraus.  Aus der vollkommenen Freiheit heraus dem Leben untertan sein.  Natürlich bin ich nicht der Diener aller Herren. Aber vielleicht kann ich versuchen,  Wohlwollen zu entwickeln  für jedes Geschöpf das mir begegnet.

 

Nach jedem Sitzen bete ich übrigens das  Vaterunser.  Ich bitte den alten Gott, nach mir zu gucken.Der Buddhismus kennt keinen personalen Gott.  Ich brauche ihn aber manchmal, zum Ankuscheln,  als Dankadresse und zum Hadern. Ich möchte ihn duzen dürfen. Wir kennen  alle das Du  schon im Mutterleib  und weil es  uns nach der Geburt sofort entgegen lächelt und zu uns redet.   Ich möchte diesen   personalen Gott irgendwann  auch schauen dürfen  von Angesicht zu Angesicht. Auf Augenhöhe. Ja, das möchte ich einmal. Darauf hofft  etwas in mir. Immer. 

 

Aber ist  für das fließende Licht der Begriff GOTT  nötig?  Ein Vaterbild?  Ist Individualität gefragt? Meine individuelle Meinung? Ist Individualität nicht eine Illusion, die  gelöscht und geläutert werden soll? 

Eines dieser vertrackten   Koans aus der Zen-Schulung geht ungefähr so: Auf dem Grund des Meeres liegt in zehntausend Kilometer Tiefe ein Stein.  In den Stein ist ein Wort eingemeiselt. Die  Koan-Frage lautet:   Welches Wort  ist das?  Was ist die Lösung des Koans ?  Welches Wort wird da wohl eingeritzt sein?

 

Vom Lotussitz brauchen wir nur einen Satz in einen Satz der Bibel zu machen:   Jesaia 43, 1. „ICH HABE DICH BEI DEINEM NAMEN GERUFEN. Du bist mein“

 

 

Winzlyrik:

 

MEER UND STEIN

wär gott das tiefe meer

und du

oh mensch

ein stein

 dann würf sich Gott als meer

in dich

den stein

hinein

 

Mit Gott sein und werden

Der alte Gott kommt mitten im Nirwana um die Ecke. Die kalifornische Zenlehrerin Charlotte „Joko“ Beck schreibt, das Sitzen sei oft ein „Gehen in der Wüste“.  Und dieses Wüstengefühl- sagt sie ganz jüdisch-christlich- sei das Angesicht Gottes. Sie sagt nicht : „Beim Gehen in der Wüste ERSCHEINT das Angesicht Gottes“.  Sie sagt, das Gehen in der Wüste IST das Angesicht Gottes.Jahwe ist übrigens mit seinem Volk mit gewandert. Durch Wüsten ins Gelobte Land.  Der Gott ohne festen Wohnsitz, der im stacheligen Dornbusch auftaucht: Ich bin „Jahwe“. Drei Buchstaben im Hebräischen. Jahwe. Für Juden ein unaussprechlicher Name. Er bedeutet „Ich bin, der ich bin.“ Genauer „Ich bin, der ich sein werde“.

 

Ich bin in den letzten Jahrzehnten religiös  „crossover“ sozialisiert und manchmal fällt es mir selbst nicht mehr auf. Bei den ZEN-Sesshins, die ich in der Schweiz in einem Jesuitenhaus durchgesessen habe, gab es täglich einen christlichen Gottesdienst, manchmal nach katholischem, manchmal nach einem neugläubigen – vermutlich zwinglianischen- Ritus.

 

Der jeweilige Priester saß im Lotussitz vor dem Altar.  Kein Religionsangehöriger verlässt einen solchen Gottesdienst ohne DNASpuren der anderen Religionen. Und falls das  Abendland untergehen sollte, dann garantiert nicht  deshalb.  Damit wäre ja jetzt eigentlich das  Wichtigste gesagt. 

 

Wortlos sprechen

Ich bitte sie als Spracharbeiter aber noch um Aufmerksamkeit für einen kurzen Schluss-Exkurs: 

Ich vertraue seit ich sitze dem Schweigen manchmal mehr als der Sprache. Sprache  ist niemals die Wahrheit, sagt Paul Knitter. Wenn die Wahrheit der Mond ist, so ist sie nur der Finger, der auf den Mond deutet.  Andererseits: Luther hat mit seinen Fingerzeigen für uns alle um die Wahrheitskraft der Sprache  gekämpft. Gottseidank. Er hat geschuftet dafür, obwohl sprachlich überbegabt. Oder genau deshalb. Es blieb nicht bei seinem einsamen Wartburgprojekt. Die Sprache durfte nicht bleiben, wie sie war. Und dass auch unsere Sprache immer genauer und wahrhaftiger wird, ist vielleicht das beste Gegengift gegen die rhetorischen Rattenfänger im Land. Das wäre jetzt eigentlich der richtige  Schluss.

 

Aber ich bin immer noch nicht ganz fertig: Ich möchte noch etwas zu Luthers  letzten Worten sagen, die er auf einen Zettel geschrieben haben soll. Sie lauteten:  „Wir sind, Bettler, das ist wahr.“  Vielleicht  war das ein letzter, nicht mehr ganz sprachmächtiger  Versuch der Selbstkorrektur. Wäre er wieder zu Kräften gekommen, wäre aus diesem Satz vielleicht noch eine neue Schrift entstanden. Eine relativierende Schrift vielleicht. Neue, tiefere Schichten der Luther-Wahrheit . Und auch diese neue Aussage hätte bald wieder verblassen müssen hinter neuen Worten. Singet dem Herrn ein neues Lied.

 

 

 

So kann auch heute ich für meinen Teil,  wie am Anfang, so am Schluss dieser Rede sagen, die hoffentlich noch nicht den Schluss aller meiner Verlautbarungen darstellt:

 

Mir sin die rischdische, die ganz rischdische  Worte

dann doch net oigefall

Sie hemmer uf de Zung gelää.

Awwer sie sin  mer net

Iwwer die Lippe gang.

Jetzt  hätt ich se  

Ja. Jetzt  hab ich se.

Awwer ich glaab,

Fer heit  is nimmi die Zeit!

 

Musikakzent

Blueswolf

 

Gebet und Vater Unser Dekan Jäckle

Gott,

ich frage mich,

ich frage dich:

Was ist das eigentlich, Gnade?

Ist es eine Gnade, wenn einer in Geld schwimmt

oder ist es eine Gnade,

wenn einer sein neugeborenes Kind gesund in seinen Händen halten darf?

Ist die Nutzung der Atomenergie eine Gnade für diese Welt?

Und wie steht es mit der Gentechnologie?

Ist es eine Gnade für die Gesellschaft,

wenn möglichst viele eingebunden sind, die richtige Entscheidung zu treffen,

oder ist es eine Gnade, wenn vielleicht nur Einer bestimmt, wo es lang geht?

Und wenn einer schwer krank ist,

ist es eine Gnade am Leben zu bleiben oder ist es eine Gnade sterben zu dürfen?

Und wer entscheidet darüber?

 

Ich habe auf diese Fragen keine Antwort. Mindestens keine endgültige.

Und auf viele andere auch nicht. Das bedrückt mich.

Aber genau darum wende ich mich an dich.

Du weißt, was Gnade ist

und wer sie wann und wie empfängt.

Du weißt, was ich nicht weiß.

Und du kannst geben, was ich nicht geben kann,

auch wenn ich es noch so sehr wollte.

 

Gott, du bist für mich die größte Gnade meines Lebens.

Denn ich weiß, ich kann niemals tiefer fallen als in deine Hand.

Du bist mein Halt in haltloser Zeit.

Wie hoffnungslos wäre mein Leben ohne den Glauben an dich.

Und wie gnadenlos eine Welt ohne Hoffnung.

Gott, ich bitte dich, lass deine Gnade walten über dieser Welt,

sei uns allen gnädig, nach deiner Güte. Amen 

Vaterunser

 

Lied

Geh unter der Gnade

Geh unter der Gnade, geh mit Gottes Segen,

geh in seinem Frieden, was auch immer du tust.

Geh unter der Gnade, hör auf Gottes Worte,

bleib in seiner Nähe, ob du wachst oder ruhst.

 

1. Alte Stunden, alte Tage

lässt du zögernd nur zurück.

Wohlvertraut wie alte Kleider

sind sie dir durch Leid und Glück.

Refrain

 

2. Neue Stunden, neue Tage ?

zögernd nur steigst du hinein.

Wird die neue Zeit dir passen?

Ist sie dir zu groß, zu klein?

Refrain

 

3. Gute Wünsche, gute Worte

wollen dir Begleiter sein.

Doch die besten Wünsche Münden

Alle in den einen ein:

Refrain 

Text: Manfred Siebald

Melodie: Manfred Siebald

 

Segen

 

Nachgespräch bei Pälzer Woi und Speyrer Brezel

 

 

 

 

 

Predigt Martin Graff

Promi-Predigt Reihe. Martin Graff.

Speyer 8 Januar 2017

Gedächtniskirche

Ich darf machen was ich will?

( Wie steht es 500 Jahre nach Luther um die Freiheit, etwa um liberté égalité fraternité und das Miteinander in Europa.)

 

Mesdames et messieurs, liebe Gemeinde, Guten Morgen,

Es luthert in diesen Tagen von morgens bis abends in der Bundesrepublik und der Luther-Tsunami wird voraussichtlich bis zum 31. Oktober 2017 andauern.

Es luthert sogar in Rom - seit 2015 gibt es einen Martin-Luther-Platz in der Ewigen Stadt.  Es luthert im Vatikan. Papst Franziskus hat es bis nach Schweden geschafft, um seinen ökumenischen Geist zu demonstrieren. Ökumene ist doppelt so gut und halb so teuer, sagt Pfarrer Franz Meurer aus Köln.

Es luthert in der Literatur. Im Roman „ Die linke Hand des Papstes“ von Christian F. Delius überrascht ein Reiseführer Benedikt XVI inkognito in la Chiesa evangelica Lutherana di Roma, via Sicilia 70. Der ehemalige Papst steigt auf die Kanzel und rezitiert leise „Ein feste Burg ist unser Gott“, die Marseillaise der Protestanten, Heinrich Heine dixit.

 

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Die deutsche Presse hört mit dem Luthern gar nicht mehr auf. „Der erste Wutbürger“, titeln sowohl die Märkische Allgemeine als auch Der Spiegel. In Chrismon erfahren wir, dass Jürgen Klopp, der Wuttrainer, ebenfalls luthert. „Ich mag Luther, weil er für die Unterprivilegierten und Ausgeschlossenen gekämpft hat.“

Aber es luthert vor allem in der Lutherstadt Wittenberg. Guiseppe führt seit 20 Jahren seine Eisdiele zwischen Stadt- und Schlosskirche. Ab sofort nennt er sich Martin. Sicher ist sicher.

«Vergangenheit greifbar nah. Weltweit einmalig: Aufwachen gegenüber der Thesentür“, verkündet das Alte Canzley Hotel und sorgt regelmäßig für Luther-Essen. Dagegen kommt die Aktion „Mit Luther-essen“ im Schloss Balthasar im Europapark in Rust nicht an.

 „Ja Deutschland feiert Hallelujahr!“, heisst es in der Werbung „Feiern sie mit: Sichern Sie sich jetzt das größte Jubiläums-Set. Edles Silber 30mm, 7,3g Spiegelglanz und Lutheruhr.“

Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Wenn es so weiter geht, luthert es bald nicht mehr, sondern tetzelt es nur noch, wie man es  bei Margot Kässmann, die Luther Botschafterin, feststellen kann. Sie jettete um die halbe Welt um das neue Jahr auf den Chatham Inseln im Südpazifik zu empfangen. Ich traute meinen elsässischen Ohren nicht als ich hörte, dass die EKD sich mit einem Kompensationsfond in Sachen CO2

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Verbrauch ein gutes Gewissen für die „World Wide Kässmann Erlebniss Tour“ kaufte. Johannes Tetzel lässt grüßen. Vom Luthern zum Jetten und schon tetzelt es gewaltig.

Ich persönlich bin bestens gewappnet. In Jüterbog erwarb ich nicht nur einen pinken Luther-Pass, sondern auch zwei Ablassbriefe, die im Tetzelkasten aufbewahrt wurden. Ich überreich gern Margot einen davon.In der märkischen Kleinstadt predigte Luthers Erzfeind Johannes Tetzel: „Wenn die Münze in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“.

In Frankreich luthert es überhaupt nicht. Keine 2% der Bevölkerung werden als Protestanten eingestuft. „Der dicke Luther gab sich nach Verlassen des Klosters den wollüstigen Regungen seines Blutes hin und ehelichtete eine Nonne“, schreibt Marguerite Yourcenar, Mitglied der Académie française, in ihrem Roman Die schwarze Flamme.

Der als brummig bekannte ex-Premier Ministre Manuel Valls, Kandidat für die Präsidentenwahl, hat uns gewarnt: „Ich möchte nicht wie ein schwedischer lutherischer Pastor aussehen.“ Mein Freund Nils, Pastor in Südschweden, lässt grüßen. Er tanzt wie Fred Astaire und singt wie Franck Sinatra. Valls sollte ihn kennen lernen.

 

 

 

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Merkel soll Hollande angeblich immer wieder fragen: „Wie luthert Frankreich 2017?“. „Elle m’énerve“, habe François geantwortet. Sie nervt mich. Vielleicht könnte die Playmobilfigur Martin Luther als Geschenk behilflich sein. Oder sogar der Schlüssel-Anhänger mit einer Luthermünze für den Einkaufswagen, den mir Pfarrerin Christine aus Germersheim schenkte, als ich dort am 31.10.16 in der Versöhnungskirche auftrat.

Im Gegensatz zum Palais de L’Elysée luthert es natürlich auch im Schloss Bellevue. Der noch Pastor-Präsident Joachim Gauck wollte beim Luthern nicht den Kürzeren ziehen. Er wollte nicht abdanken ohne ein Luther-Happening mit musikalischem Lutherimbiss: Forellen-Rillettes mit Brotaufstrich.

Allein in Straßburg im Elsass spürt man in Frankreich einen Hauch Luthern. Zur Zeit der Reformation gehörte das Elsass noch nicht zu Frankreich. Das Menschter, wie die Elsässer zum Münster sagen, lutherte 150 Jahre. Dann kam der Sonnenkönig und machte dem Luthern ein jähes Ende. Das Münster ist bis heute wieder katholisch.

Am vergangenen Donnerstag habe ich in Straßburg im sogenannten Café théologique vor einem „erlauchten“ Publikum über Luther gesprochen. Am nächsten Tag landete prompt ein Bild von Martin

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Luther in meiner  Mailbox, mit  zwei Daten: 1485-1933, und einem Hackenkreuz.

Rien n’est simple.

In „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ist die Freiheitsphilosophie von Martin Luther, in zwei Sätzen verewigt:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan.

In diesen zwei genialen Sätze entfaltet Martin Luther quasi eine hegelianische Dialektik, die aus jedem unter uns ein versöhnungsgieriges Wesen macht, dass eigentlich nur ein Ziel hat: die Liebe. Luther selbst holt sich den Gedanken bei Paulus im Römerbrief: „Ihr sollt niemand etwas schuldig sein, denn dass ihr euch untereinander liebet.“

Jean Jaurès, Philosophie-Professor aus Toulouse schrieb seine Doktorarbeit 1892 über Martin Luther und hatte alles verstanden:

„Egal welche zivile Gesellschaft oder irdische Ordnung, wer Christus folgen will, kann es. In Wahrheit ist das Evangelium ein Stern, der im Himmel wandert, er ist für alle und überall sichtbar, sogar für diejenigen, die am Boden zerstört sind“, zitiert der Franzose den Deutschen.

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“Das Hauptziel von Luther war also nicht der Umsturz der Gesellschaft, dennoch, unbewusst und ungewollt, schafft er es durch seine Lehre, die irdische Ordnung Germaniens zu verändern. Die Erde ist im Himmel, vermischt sich mit dem Himmel. Derjenige, der die himmlische Ordnung verändert, verändert ebenfalls die irdische Ordnung. Indem Luther die

christliche Gleichheit forderte, bereitete er auch die Wege für eine zivile Gleichheit.“, so Jaurès.

Am 31.Juli 2014 besuchten in Paris Sigmar Gabriel und François Hollande das Café du Croissant, wo 100 Jahre zuvor, 3 Tage vor dem Beginn des ersten Weltkrieges, der Philosophie-Professor von einem Nationalisten erschossen wurde. Jaurès war nicht nur Philosoph und Luther Spezialist, er war auch Pazifist und Gründer der sozialistischen Partei Frankreichs.

Jean Jaurès hatte verstanden, dass der lutherische Urknall die Demokratie ermöglichte. Die demokratische Dreieinigkeit der französische Revolution: liberté-égalité-fraternité. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass sie formuliert wurde, nachdem Luther das vatikanische Machtmonopol gesprengt hatte.

 

 

 

 

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„Wer Christ ist, wer im Namen Christi getauft wurde, ist frei die Bibel zu lesen, zu kommentieren, zu predigen. Jeder Christ ist Priester.“, schreibt Jaurès.

Sofort taucht die Frage auf. Darf ich machen was ich will, weil ich machen kann was ich will? Aber kann ich überhaupt machen was ich will?

Ich werde nur zum Befreier, weil ich mich von mir selbst befreit habe. „Ma liberté s’arrête là où commence celle des autres“, « Meine Freiheit hört da auf, wo die Freiheit eines Mitmenschen beginnt“, ein Klassiker bei den Studenten, die Philosophie studieren. Rosa Luxemburg sagte es so: „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.“

Die Devise von Amnesty international beruft sich auf Voltaire: « Ich teile ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“

Die Theologiestudenten antworten dann mit dem ersten Korinther Brief: Kapitel 6, Vers 12. « Ihr wendet ein: mir ist alles erlaubt. Mag sein, aber nicht alles ist gut für euch. Alles ist mir erlaubt, aber das darf nicht dazu führen, dass ich meine Freiheit an irgendetwas verliere.“ Ganz im Sinne von Martin Luther: „Ich liebe wenig die Todesurteile,

 

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sogar die verdienten, und was mich in dieser Sache erschreckt, ist das Beispiel, das man gibt; Ich kann deshalb in keiner Weise billigen, dass die falschen Doktoren gerichtet werden…Die Häretiker dürfen nicht durch äußere Gewalt unterdrückt oder niedergehalten, sondern nur durch das Wort Gottes bekämpft werden. Denn die Häresie ist eine geistige Angelegenheit, die nicht von irgendeinem irdischen Feuer oder irdischen Wasser abgewaschen werden kann“,  zitiert Stefan Zweig Martin Luther in Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt.“

Ich werde zum eleutherios, der Befreier und der Befreite, so sprach  Luther als er noch Luder hieß, um sich zum Schluss für den medienstarken Familiennamen Luther zu entscheiden.

So schreibt  es auch Jean-Paul Sartre in seiner Autobiographie Les mots, Die Wörter. Der Philosoph wurde von Charles Schweitzer, dem Onkel des Urwalddoktors, in Luthers Geheimnisse eingeführt wurde.

„Ich war Protestant und Katholik zugleich. Protestant für die Rebellion, katholisch für die Unterwerfung.“ Ich bitte die katholischen Freunde, die Äußerung von Sartre mit Gelassenheit zu nehmen. Wie Heiner Geissler in seinem Luther Buch: „Jeder intelligente Katholik ist im Innern auch immer ein Protestant.“

 

 

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Als ich diese Sätze von Sartre bei Jubiläum: „200 Jahre Bezirkstag Pfalz“, zitierte, schaute mich Bischof Karl-Heinz Wiesemann  wie ein schwedischer lutherischer Pastor versus Valls an. Als ich aber im selben Schwung erwähnte, dass sein Vorgänger Josef Ludwig Colmar, ein Elsässer aus Straßburg, den Dom vor der Verwüstung durch die Soldaten von Napoleon rettete, indem er bei seiner Frau Joséphine intervenierte, strahlte Bischof Wiesemann wie nur ein katholischer Bischof strahlen mag wenn er sich wohl fühlt.

Die Biographie von Sartre ist typisch lutherisch: zwei Kapitel, lesen und schreiben. Luther hat die Tore des Denkens mit seinem theologischen Quantensprung geöffnet, und sie beim Bauernkrieg und in seinen Auseinandersetzungen mit den Juden wieder verschlossen, genauso die französischen Revolution, die nicht ohne Terror auskam.

Zu spät, die Satelliten der Freiheit kreisten schon um die Erde, als Luther die neue Freiheit, die er selbst ins Leben gerufen hatte, verleugnete.

Charles Louis de Montesquieu bereiste Deutschland zu Lebzeiten, noch vor der französischen Revolution. Er beschrieb Deutschland als république fédérative was bis heute der Fall ist. Er hat in seinem Werk

 

 

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De l’esprit des lois, Vom  Geist der Gesetze,  das gesetzliche Korsett der Demokratie entworfen mit der Trennung der Legislative, der Exekutive, der Judikative. So wurde die Sprache von Luther auch verständlich.

Aus dem vertikalen Denken wurde eine horizontale Denkweise. Das Ergebnis haben wir vor den Augen. Die deutschen Energiemoleküle haben  den Mittelstand erfunden, die französische republikanische Monarchie die Atomkathedralen und den TGV.

Hollande sagte bei seiner letzten Neujahrsansprache 21 Mal JE. Merkel 7 Mal ICH. In dreißig Minuten hat er es schon mal auf 183 JE geschafft. Sein Rekord 307 JE.

Wirklich schade, dass Angela François nicht auf die Wartburg entführt hat, wie  Richard von Weizäcker François Mitterrand am 21.September 1991 nach Eisenach holte.

„Enfin chez Luther, le père de la langue allemande, le père de la culture  allemande!“ hatte Mitterrand in die rauhe Luft Thüringens posaunt. Endlich bei Luther, dem Vater der deutschen Sprache, dem Vater der deutschen Kultur.

 

 

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Die Ecken und Kanten der deutsch-französischen Freundschaft haben wir Luther zu verdanken, und die Achterbahn der Gefühle wird auch in den kommenden Jahren spannend bleiben.

Die deutschen Denker, Luther, Kant, Fichte, Hegel, haben das Zusammenleben in Europa theoretisch ergründet, aber die Franzosen haben die Revolution gemacht, stellt  Karl Marx fest. In Deutschland dagegen fand „die Revolution wegen schlechter Witterung in der Musik statt“, lese ich auf der Fassade der Musikhochschule in Weimar. Kurt Tucholsky.

Wir Franzosen haben uns nie zu weit von dem königlich vatikanischen Denken entfernt. Auch der nächste Präsident, egal wie er heißt, wird am 14. Juli, dem Nationalfeiertag,  in einem Jeep die Champ Elysées runterfahren, dans un écrin de cavalerie, umgeben von einer berittenen Garde, eine königliche Schatulle, an der auch der Sonnenkönig seine Freude hätte.

Dennoch kann ich nur bedauern, dass die katholische Kirche Frankreichs sich im Augenblick verkrampft, man spricht von insurrection des catholiques, von einem katholischen Aufstand. Konservative Strömungen, die die Demokratie nur dulden, sind wieder aktuell: der lutherische Urknall bleibt am Rhein hängen wie die Wolken von Tschernobyl.

 

 

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Auch in Deutschland, setzen Bürger Schalldämpfer auf, um den Urknall nicht wahrzunehmen, haben die eigene Geschichte vergessen, haben vergessen dass sie nur durch Zufall als Deutsche geboren wurden und erfinden Ihre eigene Biographie als Lebenslüge.

Dennoch werden wir die alten Grenzen nicht wieder hochziehen und weiter unsere Wurzeln an die Luft hängen. Es kommt nicht in Frage, dass die Zollhäuser, die in Europa als Restaurant umfunktioniert wurden, die Köche nach Hause schicken. Im Gegenteil, wir Deutsche und Franzosen teilen weiter unsere Talente, nach dem Wunsch von Albert Schweitzer, um die europäische Gedankenorgel zu befestigen.

„Europa ist langsam; Es ist mühsam“, sagte mit Recht Angela als sie in ihrer Neujahrsansprache die „Zerrbilder“ der nationalistischen Dünnbrettbohrer anprangerte. Auch François gab sich überraschend offensiv, seit er sein Rentnerdasein im Auge hat. „Sollen wir uns in unseren Nationalstaat verkriechen, „Comment imaginer notre pays recroquevillé?“, fragte er.

„Ja die Gedanken bleiben frei“, wie Joachim Gauck es in seinem „Plädoyer für die Freiheit“ behauptet.

 

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Ich denke dabei  an den Elsässer Martin Bucer, den europäischsten aller Reformatoren, der seine Karriere in Cambridge beendete. Der Straßburger vermittelte immer wieder zwischen Zwingli, Luther und Calvin. Bucer versuchte die Kopfgrenzen zu sprengen.

Stephen E. Buckwalter, von der Bucer Forschungsstelle in Heidelberg, schickte mir einen Brief. Von Bucer am 12. April 1535 an seine deutsche Freundin Margaretha Blarer, die am Bodensee wohnte, adressiert.

„Du regst mich wahnsinnig auf wenn du hasserfüllt über die Franzosen sprichst. Sag mal was heißt das Deutscher, Italiener, Franzose zu sein und so weiter? Wir sind alle Brüder in Christus. Der Vater macht keine Unterschiede zwischen den Völkern.“

.Die Fahne ja, als Tischdecke“, sagte mir meine Oma Caroline, die Mata Hari der deutsch französischen Beziehungen. Bucer dachte mit der Mentalität verschiedener Völker, noch mehr als Martin Luther.

Wie sagt mir Olivier aus Hauenstein, Mutter Französin aus Dijon, Vater Deutscher aus der Pfalz? Premièrement je suis de cœur français, deuxièmement mon âme est allemande. Troisièmement mon esprit est européen. Bernadette, Mutter Deutsche aus Speyer, Vater Franzose aus Buc bei Versailles, wo es ein deutsch-französisches Gymnasium gibt, formuliert es umgekehrt: „Erstens mein Herz ist deutsch. Zweitens,

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meine Seele ist französisch. Drittens mein Geist ist europäisch!“ Auf den dritten Punkt kommt es an.

 

Accroche tes racines au ciel

Et grimpe sur les étoiles

Hänge deine Wurzeln an die Luft

Und klettere auf die Sterne.

Sors de ton trou

Raus aus deinem Loch

Sors de ta cave

Raus aus deinem Keller

Quitte ta cage

Raus aus deinem Käfig

Quitte ta peur

Raus aus deiner Angst.

Accroche tes racines au ciel

Et grimpe sur les étoiles

 

 

 

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Hänge deine Wurzeln an die Luft

Und klettere auf die Sterne.

Tu découvriras enfin, au-delà des frontières

D’autres pays d’autres coeurs,

Erst dann blickst Du über die Grenzen,

Ins andere Land, ins andere Herz.

Tu découvriras enfin, au-delà des frontières,

Ton propre pays, ton propre cœur.

Erst dann blickst Du über die Grenzen,

Ins eigene Land ins eigene  Herz. 

Martin Graff